Dieser Werkstattbericht erscheint unter der Rubrik „con4evo concret“ – Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis.
Kaum ein Thema beschäftigt Geschäftsführungen derzeit so intensiv wie künstliche Intelligenz. Und kaum ein Thema wird gleichzeitig so unterschiedlich behandelt: Die einen experimentieren begeistert mit jedem neuen Tool, die anderen warten ab – und viele befinden sich irgendwo dazwischen, mit dem unguten Gefühl, etwas zu verpassen, ohne genau zu wissen, was.
Dieser Werkstattbericht teilt unsere Beobachtungen aus der Beratungspraxis. Er richtet sich an Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer, die nicht die nächste KI-Euphorie mitreiten wollen, sondern eine ehrliche Einschätzung suchen: Was bringt KI heute wirklich? Und wie geht man es richtig an?
1. Die ehrliche Ausgangslage: Zwischen Hype und Hilflosigkeit
In unseren Gesprächen mit Unternehmern und Führungsteams begegnen uns derzeit vor allem drei Haltungen:
Die Neugierigen haben ChatGPT ausprobiert, sind beeindruckt und fragen sich, wie das Ganze ins Unternehmen passt.
Die Skeptiker sehen KI als Modeerscheinung, erinnern sich an ähnliche Versprechen aus der Digitalisierungswelle der 2010er Jahre und warten auf belastbare Ergebnisse.
Die Überforderten spüren Druck von außen – von Mitarbeitern, Kunden, Wettbewerbern – und suchen Orientierung, wie und wo sie anfangen sollen.
Alle drei Haltungen sind verständlich. Und alle drei greifen für sich genommen zu kurz.
Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte: KI ist kein Allheilmittel und keine Modeerscheinung. Sie ist ein Werkzeug – mit echtem Potenzial, aber auch mit realen Grenzen.
2. Was KI heute wirklich kann – und was nicht
Beginnen wir mit dem Potenzial. Aktuelle KI-Systeme – insbesondere große Sprachmodelle wie GPT, Claude oder Gemini – sind in bestimmten Aufgaben bemerkenswert gut:
KI ist stark bei:
- Texterstellung und -überarbeitung: Berichte, E-Mails, Präsentationen, Protokolle – Entwürfe entstehen in Sekunden, nicht Stunden
- Zusammenfassung und Analyse: Lange Dokumente, Verträge, Marktberichte auf das Wesentliche reduzieren
- Strukturiertes Denken: Problemstellungen durchdenken, Argumente gegenüberstellen, Entscheidungsrahmen aufbauen
- Recherche und Wissensaufbereitung: Erste Orientierung in unbekannten Themengebieten
- Automatisierung repetitiver Aufgaben: Datenpflege, Standardantworten, Reporting-Vorlagen
KI zeigt noch Schwächen bei:
- Verlässlichkeit bei Fakten: KI-Systeme können selbstsicher falsche Informationen liefern („Halluzinationen“) – kritische Fakten müssen immer geprüft werden
- Kontextverständnis: Was in Ihrem Unternehmen wirklich zählt, wie Ihre Kunden ticken, welche ungeschriebenen Regeln gelten – das weiß KI nicht
- Strategischem Urteilsvermögen: KI kann Optionen beschreiben, aber nicht wirklich bewerten, was für Ihr Unternehmen in Ihrer Situation die richtige Entscheidung ist
- Vertraulichkeit: Wer interne Unternehmensdaten in öffentliche KI-Tools eingibt, gibt sie möglicherweise weiter – ein unterschätztes Datenschutzrisiko
Kurz: KI macht kluge Menschen effizienter. Sie ersetzt weder Erfahrung noch Urteilsvermögen.
3. Vier Einstiegspunkte für Führungskräfte
Aus unserer Beratungspraxis empfehlen wir, nicht mit einer großen KI-Strategie zu starten – sondern mit konkreten, überschaubaren Anwendungsfällen. Hier sind vier Bereiche, die sich besonders gut als Einstieg eignen:
3.1 Vorbereitung von Meetings und Entscheidungen
KI kann als strukturierter Sparringspartner dienen. Statt lange auf ein Whiteboard zu starren, lassen sich mit einer gezielten Eingabe in ein KI-System Szenarien durchdenken, Gegenargumente identifizieren oder eine erste Agenda strukturieren.
Beispiel aus der Praxis: Eine Geschäftsführung nutzte KI, um sich auf ein schwieriges Gespräch mit einem Großkunden vorzubereiten – mögliche Einwände, passende Antworten, Verhandlungsspielräume. Das Gespräch verlief deutlich besser als erwartet.
3.2 Effizienz in der Unternehmenskommunikation
Viele Führungskräfte verbringen unverhältnismäßig viel Zeit mit dem Schreiben: Berichte, Rundschreiben, Protokolle, Präsentationen. KI kann hier zuverlässig Entwürfe liefern, die anschließend überarbeitet werden – statt auf einem leeren Blatt zu starten.
Wichtig: Die finale Fassung muss immer der Mensch verantworten. Ton, Botschaft und Inhalt müssen zur Kultur des Unternehmens passen.
3.3 Analyse von Markt- und Wettbewerbsinformationen
Neue Märkte erkunden, Wettbewerber einschätzen, Trends verstehen – KI kann in kurzer Zeit eine erste strukturierte Übersicht liefern, die früher Stunden an Recherche erfordert hätte. Diese Einschätzungen sind als Ausgangspunkt zu verstehen, nicht als belastbare Analyse.
3.4 Wissensmanagement im Team
Ein oft unterschätzter Anwendungsfall: KI als interner Wissensspeicher. Unternehmen, die ihre Prozesse, Leitfäden und Erfahrungen strukturiert aufbereiten und KI-gestützt zugänglich machen, reduzieren Einarbeitungszeiten und sichern Know-how – auch wenn Mitarbeiter das Unternehmen verlassen.
4. Wie eine sinnvolle Integration aussieht
- Pilotprojekt definieren – einen konkreten Schmerzpunkt im Unternehmen identifizieren, bei dem KI helfen könnte
- Team einbinden – Mitarbeitende früh beteiligen, Bedenken ernst nehmen
- Spielregeln festlegen – Datenschutz, Qualitätssicherung, Verantwortlichkeiten klären
- Lernen und anpassen – kein KI-Projekt läuft von Anfang an perfekt
5. Die Führungsperspektive: Was bedeutet KI für meine Rolle?
Eine Frage, die viele Führungskräfte bewegt, auch wenn sie sie selten laut stellen: Verändert KI, was gute Führung bedeutet?
Unsere Einschätzung: Ja – aber nicht so, wie oft befürchtet.
KI nimmt Ihnen keine Verantwortung ab. Sie schärft den Bedarf an genau den Qualitäten, die Maschinen nicht haben: Urteilsvermögen, Empathie, das Gefühl für Kultur und Menschen, die Fähigkeit, in Widersprüchen zu navigieren.
Was sich verändert: Die Erwartung, schnell zu sein, gut informiert zu sein und klar zu kommunizieren – das steigt. Wer KI klug nutzt, gewinnt Zeit und Kopfkapazität für das, was wirklich Führungsarbeit ist.
Führungskräfte, die KI ignorieren, laufen Gefahr, gegenüber Mitarbeitenden und Wettbewerbern den Anschluss zu verlieren. Führungskräfte, die KI unkritisch einsetzen, riskieren Fehler mit ernsthaften Konsequenzen.
Die goldene Mitte: Neugierig bleiben, kritisch denken, schrittweise lernen.
Fazit: Kein Grund zur Panik – aber auch kein Grund zum Abwarten
KI ist keine Revolution, die über Nacht alles verändert. Sie ist eine Evolution – und damit eigentlich genau das, was con4evo antreibt.
Unternehmen, die heute anfangen, KI sinnvoll zu integrieren, werden in zwei bis drei Jahren einen spürbaren Effizienz- und Qualitätsvorteil haben. Nicht wegen der Technologie allein – sondern weil sie die organisatorischen und kulturellen Voraussetzungen geschaffen haben, die aus einem Werkzeug einen echten Wettbewerbsvorteil machen.
Wenn Sie wissen möchten, wie das konkret für Ihr Unternehmen aussehen kann: Sprechen Sie uns an. Wir freuen uns auf das Gespräch.
Dr. Thomas Thiel ist Partner bei con4evo und berät Unternehmen in den Bereichen Strategie, Unternehmenssteuerung und Transformation. Er ist erreichbar unter thomas.thiel@con4evo.com und auf LinkedIn.
